„The Last Dance“ hat sein Ziel erreicht: Die Doku fängt Spannung, Ego und Erschöpfung der Chicago Bulls 1997/98 ein und nutzt Rückblenden, um zu erklären, warum diese Saison so besonders war. Gleichzeitig war die Serie nie als vollständige Karriere-Biografie gedacht. Sie basiert auf einem spezifischen Jahr an Archivmaterial, einer begrenzten Episodenzahl und der Entscheidung, das Tempo hoch zu halten. Dadurch bleiben einige der aufschlussreichsten Jordan-Partien – vor allem aus den 1980ern sowie bestimmte Wendepunkte in den NBA Finals – entweder nur kurz erwähnt oder komplett unsichtbar. Dieser Text konzentriert sich auf genau diese Spiele und erklärt, warum sie auch 2026 noch relevant sind.
Wenn man ein einziges Spiel auswählen müsste, das Jordans Decke zeigte, bevor Chicago ein Titelkandidat war, dann ist es Spiel 2 der ersten Runde 1986 in Boston: 63 Punkte gegen die Celtics in einer Double-Overtime-Niederlage. Die Zahl ist berühmt – aber der Kontext macht sie noch deutlicher. Die Bulls waren klarer Underdog, auswärts in einer der härtesten Arenen der Liga, und trotzdem zwang Jordan eine Elite-Defensive dazu, jede einzelne Possession auf ihn auszurichten. Für viele bleibt dieses Spiel bis heute das stärkste frühe Argument dafür, dass sein Level bereits damals jenseits des Üblichen lag.
Oft übersehen wird, wie sehr diese Partie die Wahrnehmung verschob. Chicago verlor das Spiel und die Serie, aber die Leistung wirkte wie ein öffentliches „Beweisstück“: Ein junger Star konnte eine limitierte Mannschaft in ein echtes Schwergewichtsduell ziehen. Boston war damals voll besetzt, und dennoch drehte sich die Diskussion nach der Schlusssirene vor allem um den Spieler im roten Trikot. „The Last Dance“ streift Jordans Aufstieg, bleibt aber nicht lange genug bei diesem Abend, um zu zeigen, wie schnell aus „Talent“ eine unausweichliche Realität wurde.
Wichtig ist das auch für die Reihenfolge der Geschichte. Die Meisterschaften kamen später; der Nachweis, dass es grundsätzlich möglich ist, kam zuerst. 1986 gab es keine Dynastie, die man verwalten musste, kein Sicherheitsnetz aus künftigen Titeln, kein „wir wissen, wie das endet“. Es gab nur einen jungen Spieler, der in einer feindlichen Umgebung Lösungen in Echtzeit fand. Diese Art von Größe – weniger poliert, stärker unter Druck – erklärt, warum die spätere Überzeugung der Bulls nicht nur Mythos war.
Der „Shot“ – Jordans Gamewinner gegen Cleveland in Spiel 5 der ersten Runde 1989 – wird so häufig wiederholt, dass er fast zur GIF ohne Inhalt werden kann. Doch die Details sind entscheidend: 7. Mai 1989, die Serie steht 2:2, Cleveland führt mit einem Punkt, dann trifft Jordan den Wurf mit der Schlusssirene zum 101:100. Das war kein komfortabler Sieg in einer späteren Runde, sondern ein extrem dünner Erstrunden-Überlebensmoment, der Chicago im Rennen hielt.
„The Last Dance“ setzt Jordans Clutch-Momente oft als Wegmarken Richtung 1990er. Dieser Treffer verdient mehr als eine kurze Montage, weil er den frühen Jordan unter maximalem Druck zeigt – ohne den späteren Schutzschild aus Titeln. Der Wurf fällt nach einer Schlussminute mit mehreren Führungswechseln, also genau in der Phase, in der Rollenspieler verkrampfen und Stars gezielt attackiert werden. Jordan nahm nicht nur den Wurf – er nahm den gesamten Moment an sich.
Außerdem wirkt die Szene anders, wenn man bedenkt, was danach kam: Chicago setzte sich durch – und traf später wieder auf Detroit. Der „Shot“ beendete die Geschichte nicht, er verlängerte den Konflikt. Als Beispiel dafür, wie Chicago lernte, enge Spiele zu überstehen, bevor die Mannschaft lernte, Serien zu kontrollieren, bleibt diese Partie eine der saubersten Referenzen.
Die Doku ist besonders stark, wenn sie zeigt, wie Kränkungen, Niederlagen und Konflikte zu Treibstoff wurden. Dieses Muster begann lange vor den 1990ern – vor allem in den wiederkehrenden Duellen mit den Pistons. Was häufig fehlt, ist die feine Realität hinter dem Etikett „Detroit war physisch“: wie oft Chicago in engen Phasen plötzlich eine einzige saubere Possession brauchte – ein Stop, ein guter Entry-Pass, eine ruhige Entscheidung – gegen eine Defensive, die darauf gebaut war, Jordans Lieblingswinkel zu blockieren.
Diese späten Serienphasen erzeugten zwei Dinge, die im schnellen Erzählen manchmal untergehen: die taktische Reife der Bulls und Jordans Bereitschaft, sich anzupassen. Der frühe Jordan konnte ein Spiel mit einem Scoring-Run gewinnen; der spätere Jordan konnte eine Serie gewinnen, indem er Bewegung akzeptierte, Kontakt aushielt und dem System vertraute, bis der richtige Wurf entstand. Gerade in der Phase 1989/1990 wird sichtbar, wie Chicago lernte, organisierte Härte zu überleben, ohne jede Possession in einen Solo-Angriff zu verwandeln.
Auch ohne alles an einen einzigen ikonischen Wurf zu hängen sind die 80er-Playoffs voller „leiser“ Schlüsselstellen, die nicht automatisch in eine Zehn-Episoden-Struktur passen: ein Abschnitt im vierten Viertel, in dem Jordan bewusst als Decoy fungiert, damit ein Mitspieler im Rhythmus abschließen kann; ein frühes Post-Up, um ein Double-Team zu erzwingen; ein defensives Risiko im exakt richtigen Moment. Das sind keine Highlights – das sind Gewohnheiten. Und diese Gewohnheiten erklären, warum die späteren Bulls so zwingend wirkten.
Es gibt zuerst einen praktischen Grund: „The Last Dance“ ist um 1997/98 gebaut und stützt sich auf enormes Archivmaterial genau aus dieser Saison. Dieses Gerüst priorisiert Szenen, die den Drive der „letzten“ Spielzeit tragen, nicht eine komplette Karriere-Inventur. Bei begrenzter Episodenzahl werden frühere Jahre fast automatisch zu kompakten Brücken zwischen größeren Wendepunkten.
Dazu kommt erzählerische Disziplin. Würde man die Pistons-Kriege der späten 80er komplett ausrollen – Anpassungen von Spiel zu Spiel, wiederholte Enttäuschungen, emotionaler Verschleiß – entstünde eine andere Serie. Die Doku skizziert diese Phase, um die Hauptlinie eng zu halten: der letzte Run, Vertragsfragen, interne Politik und das Countdown-Gefühl eines finalen Versuchs.
Und schließlich sind manche Wahrheiten weniger „cineastisch“ als die Legende. Die späten 80er enthalten Verletzungskontexte, Kaderlücken, schwierige Saisons und halbfertige Systeme. Das ist zentral, um Jordan zu verstehen, kann aber das Tempo einer Serie bremsen, die in festen Abständen emotionale Peaks setzen will. Dass etwas fehlt, heißt nicht, dass es unwichtig war – es zeigt vor allem, dass die Doku eine klare Spur gewählt hat.

Die Finals der 1990er werden oft auf Ringzahlen und ikonische Bilder reduziert. Dabei gab es selbst innerhalb von Meisterschaftsserien Abende, die Gegner-Defensiven neu ausrichteten – und zeigten, wie Jordan „Finals-Basketball“ löste. Ein Beispiel ist Spiel 4 der NBA Finals 1993 gegen Phoenix: 55 Punkte, Chicago gewinnt 111:105 und geht 3:1 in Führung. Diese Leistung gilt bis heute als Jordans punktbestes Finals-Spiel und kam in einer Serie zustande, die von Shotmaking und engen Margen lebte.
Leicht übersehen wird, dass diese 55 Punkte auch eine taktische Botschaft waren. Phoenix hatte Größe, Scoring und mit Charles Barkley den MVP – die Serie war keine Formalität. Eine solche Finals-Nacht zwingt eine Defensive zu harten Entscheidungen: Helfe ich konsequent von Schützen weg, schicke ich frühe Doppelteams oder lebe ich mit Single Coverage und hoffe, dass Müdigkeit das Problem löst? Welche Regel man bricht, beeinflusst den Rest der Serie, selbst wenn spätere Zusammenfassungen das nur als „ein weiteres Jordan-Spiel“ abheften.
Und sie erinnert daran, dass Jordans Dominanz nicht nur aus „letzter Wurf“-Theater bestand. Manchmal war der entscheidende Akt Wiederholung: derselbe Mid-Post-Touch, dieselbe Fußarbeit, dieselbe Ruhe, wenn die Defensive endlich richtig riet. Genau solche Spiele erklären, wie Größe über vier Viertel trägt – nicht nur in den letzten fünf Sekunden.
Erstens sind Finals-Erzählungen überfüllt. In einer Doku, die um eine „letzte Saison“-Hauptlinie gebaut ist, kann man entweder tief in taktische Details gehen oder Finals-Material als Ausrufezeichen in einer größeren Charaktergeschichte nutzen. Die Serie wählte überwiegend Option zwei, weil das emotionale Zentrum 1997/98 war – nicht ein Finals-Lehrbuch Saison für Saison.
Zweitens machen manche Finals-Wahrheiten die klare Heldenerzählung komplexer. 1993 geht es nicht nur um Jordans Punkte, sondern auch darum, wie Phoenix Chicago unter Druck setzte, wie Rollenspieler einzelne Momente kippten und wie Kleinigkeiten – Match-ups, Foultrouble, Coverages – Ergebnisse formen. Wenn Jordan die Hauptlinse bleibt, werden Geschichten komprimiert, in denen die spannendste Lehre kollektiv ist.
Drittens gibt es einen Medieneffekt: Je häufiger ein Bild wiederholt wird, desto weniger verspüren Menschen den Drang, das komplette Spiel noch einmal zu sehen. Bestimmte Finals-Abende werden zur Statline oder zum Clip. Gerade 2026 lohnt es sich, diese Spiele als eigenständige Ereignisse mit eigenen Stakes zu betrachten – nicht als Fußnote unter einer Ringzahl.